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DIE IM DUNKELN SIEHT MAN NICHT.

Schon lange wollte ich verstehen, warum Menschen gar nicht zur Wahl gehen. Ich bin nämlich selbst frustriert seit Jahren, vor allem darüber, wie fern Parteien und deren Entscheidungsträger an weiten Teilen der Bevölkerung vorbei regieren. In dieser Legislaturperiode finde ich wieder gar keinen Zugang zu den aktuellen Forderungen seitens der Bundesregierung. Gerade diese Partei, die seit 1949 die meiste Zeit an der Macht ist, seit den 1980er-Jahren dieses Land bis auf wenige Jahre durchregiert, also für vieles von dem, was passiert, direkt mitverantwortlich ist und aktuell den Kanzler stellt, will mir erzählen, was ich mehr und besser zu machen hätte. Es ist nicht nur das belehrende und spaltende Verhalten an der Gesellschaft, das in mir eine große Ablehnung hervorruft. Es gibt noch vieles mehr, wo ich mit der aktuellen, aber auch vorherigen Regierungen nicht übereinstimme – auf jeden Fall verstehe ich die Frustration vieler zutiefst.

Über Wahlen hinweg habe ich aus einem Gefühl heraus, mich nicht vertreten zu fühlen, meinen Stimmzettel ungültig gemacht oder strategisch die Opposition gestärkt. Es gibt so viel Reformbedarf und Abläufe, die sich verbessern müssen. Und gerade in dieser Zeit müsste einfach eine andere, zukunftsorientierte Kompetenz das Amt des Kanzlers besetzen. Trotz alledem, obwohl ich mich nicht wirklich in meinen Belangen vertreten sehe, nehme ich jedes Mal von meinem Wahlrecht Gebrauch.

Deutschland ist eins von gerade mal elf Ländern weltweit, in dem es ein universelles Briefwahlrecht gibt. Das bedeutet, ohne Angabe von weiteren Gründen immer davon Gebrauch machen zu können. Es ist zwingend darüber zu diskutieren, wer überhaupt nur das Recht hat, in diesem Land zu wählen. Auch hier gibt es großen Änderungsbedarf. Wer aber über ein Wahlrecht verfügt, dem wird es äußerst einfach gemacht. Ein unschätzbares Privileg, das beschützt werden muss. Warum nimmt man also nicht von diesem Recht Gebrauch?

Antworten finden sich nicht nur vor Ort, im Duisburger Norden – dort, wo sich neben dem größten Stahlwerk Europas und dem größten Binnenhafen der Welt auch der Wahlkreis 115 befindet, in dem mit 73,4% die wenigsten Menschen bei der Bundestagswahl 2025 von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben. Sondern auch in all den Studien, die seit über hundert Jahren zu dieser Thematik erhoben werden. Die tiefsitzenden Gründe sind nämlich nicht ausschließlich ortsspezifisch zu finden, sondern sind vielmehr verankert in unserem politischen und wirtschaftlichen System.

Markus Seibel, Mai 2026
(gekürzter Auszug aus der erschienenen Publikation zur Ausstellung)